20.10.2017 19.00 Uhr Ausstellungseröffnung "Lost Places" , Fotos von Frank Schreier, Gera, in der GUCKE

Lost Places verlassen, ästhetisch, runtergekommen, vergöttert, magisch, gehasst und geliebt

Was sind eigentlich Lost Places?
Was der Mensch erbaut, dass zerstört er auch - meistens jedenfalls. Genauso verhält es sich mit den „Lost Places". Lost Places ist ein Scheinanglizismus und bedeutet vereinfacht gesprochen „vergessene oder verlassene Orte". In erster Line werden jene Orte als Lost Places bezeichnet, die nach ihrer Aufgabe und dem daraus resultierenden Leerstand das Interesse der Allgemeinheit verloren haben. Jene Orte, die nirgends besonders erwähnt, in keinem Stadtguide oder Reiseführer gelistet sind und äußerlich wirkend schlichtweg vergessen wurden. Orte, die meistens von den Eigentümern vernachlässigt, für viele Menschen in der Umgebung ein Schandfleck und für die Städte, Kommunen und Gemeinden eine Belastung sind.
Fast jeder stößt bei der Fahrt durch seine Stadt oder seinen Ort irgendwann unweigerlich auf einen verlassenen Ort - einen Lost Place. Sei es die ehemalige Waldklause am Wegesrand, das lange geschlossene Hotel mitten im Wald oder die Industrieruine im Zentrum - Lost Places gibt es mehr, als jemals erfasst werden können. Sie sind verlassene, nicht mehr genutzte Stollen und Bunker, militärische Anlagen jeder Art, Industrieruinen und Gewerbebetriebe, Flugplätze, Sanatorien, Heilstätten und Kliniken, Guts- und Herrenhäuser, Hotels, Bahnanlagen usw. - zusammengefasst jene Orte, die nicht touristisch erschlossen, der Allgemeinheit nicht zugänglich sind und die dem Besucher die Möglichkeit geben, die vorherrschende, authentisch-historische Atmosphäre zu erleben. Es sind also jene Orte, die im Kontext ihrer ursprünglichen Nutzung heute ihrem Schicksal überlassen werden. Oftmals wird das Aufsuchen und Betreten dieser Orte als Zivilisationsflucht beschrieben - denn dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Aber, sie haben ihren ganz eigenen Charme, jeder Ort ist auf seine Art anders, keiner ähnelt dem anderen. Denn was man dort zu sehen bekommt, findet man in einem Museum nicht.
Nichts wurde inszeniert oder montiert, nichts aufgearbeitet oder nach gewissen Vorgaben einem breiten Publikum präsent gemacht. Je länger diese Orte in Vergessenheit geraten ist, desto mehr Facetten des Verfalls bieten sich dem Betrachter. Bei Lost Places und den nicht alltäglichen, eleganten, verwunderlichen, oder auch bizarren Kulissen, die sich dem Betrachter bieten, spricht man auch von der „Schönheit des Verfalls" oder dem „Reiz des Vergessenen". Doch so magisch anziehend diese Gegebenheiten auch sind, rechtlich gesehen befindet sich jeder, der solche Orte betritt in einer Grauzone. Aus diesem Grund gibt es viele Fotografen oder Hobbyhistoriker, die ihrer Leidenschaft anonym nachgehen und ihr Bildmaterial oder die recherchierten Daten nicht öffentlich zugänglich machen. Natürlich bringt das Betreten aufgegebener Orte auch oft Risiken mit sich. Durch Verwitterung, Brände oder Vandalismus besteht an selbigen oft akute Lebensgefahr. Immer wieder kommt es zu Teileinstürzen oder sonstigen statischen Veränderungen der Substanz.
Über die Jahre hat sich weltweit eine große Gemeinschaft gebildet, die sich der Erfassung und Dokumentation dieser Lost Places - unserer Zeitzeugen - gewidmet hat. Auf Webseiten, in Foren oder sozialen Netzwerken publiziert diese ihre Bilder, die chronologischen Historien oder Geschichten hinter den Orten. Sie alle haben ein Ziel: Möglichst viele Lost Places entdecken und kategorisieren, bevor die Abrissbirne alles zunichtemacht. Doch auch immer mehr andere Genres entdecken verlassene Orte für sich. Geocacher, Crossgolfer, BMX-Trialfahrer, Parcourer und andere nutzen Lost Places ebenfalls für ihre Zwecke, wenn hier auch oft zu fragwürdigen Gründen.
Spricht man heute von Ruinen, so fällt immer öfter das Wort „Lost Places". Grund dafür sind die häufigen Medienberichte, die jenes „Genre" oder Fotografen, die Lost Places ablichten, zum Thema haben. Meistens sind die Artikel oder TV-Beiträge jedoch inhaltlich oberflächlich gehalten, mit dem Ziel, die Auflage oder Einschaltquote zur erhöhen. Nur selten beschäftigt man sich hier mit geschichtshistorischen Fakten der Orte, wichtiger ist da die Geschichte um den Protagonisten im Beitrag, der sich natürlich immer am Rande der Illegalität bewegt, den Nervenkitzel, den jener bei der Begehung solcher Orte hat und in welchen sozialen Netzwerken dieser seine Fotos teilt. Als Grund für eine nur oberflächliche Thematisierung der Lost Places wird von den Medien die Verschwiegenheit der Fotografen gegenüber Dritten angegeben, die Realität jedoch sieht ganz anders aus.